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Berichte
Entnommen aus "Prana"
'Organ für angewandte Geheimwissenschaften'
'Monatsschrift zur Förderung der okkultistischen Bewegung'.
Jahrgang II, Heft 10, Juli 1911
Was ist Yoga
Von "Ananda Maya"
In allen den heiligen Schriften der Welt als auch im Leben der inspirierten Lehrer, Propheten, Heiligen und Wahrheitsseher finden wir öfters Beschreibungen wunderbarer Begebenheiten und Kräfte; welche, wenn man ein bestimmtes Maß von Übertreibung wegstreicht, dennoch einige Begründung haben müssen. Wir wissen allerdings, dass seit unendlichen Zeiten in jedem Zeitabschnitt und in jedem Stand sich unter den verschiedenen Nationen Personen erhoben haben, die die Gedanken andrer lesen konnten und alles vorhersagten, was sich ereignen sollte. Aber die meisten dieser Menschen verstanden nicht die Ursachen ihrer eignen seltsamen Begabung und versuchten, dieselbe dem Einfluss äußerer Wesen zuzuschreiben, die sie mit verschiedenen Namen nannten: - Götter, Engel, gute und böse Geister.
Einige von ihnen bildeten sich sogar ein, sie seien speziell dazu erwählt die Werkzeuge dieser höheren Mächte zu sein und ließen sich als den Auserwählten Gottes oder als besondere Gottheit anbeten, gerade so wie die Führer gewisser Sekten Amerikas von ihren Nachfolgern verehrt zu werden wünschen. In einigen Fällen wurden diejenigen, welche diese ungewöhnlichen Kräfte besaßen, als göttliche Ausnahmen betrachtet, wie Jesus von den Christen, Mohammed von den Mohammedanern und Buddha bei den Buddhisten. Wieder andere wurden als Zauberer und Hexen verdammt, und die durch solche Verfolgungen erregte Furcht führte zu der geheimen Ausübung verschiedener Methoden, die wiederum aus noch außergewöhnlichen Kundgebungen entsprangen.
Diese Methoden wurden niemals niedergeschrieben, sondern mündlicher Weise dem Schüler vom Lehrer übermittelt, welcher sie dafür als geheiligte Mysterien bewachte. Dies ist der Grund, warum unter den alten Völkern so viele geheime Gesellschaften entstanden, deren Gegenstand es war, durch verschiedene Arten von Selbstzucht und Übung bestimmte Kräfte zu entwickeln. Die Ägypter, Essener, Gnostiker, Manichäer, Neuplatoniker und die christlichen Mystiker des Mittelalters hatten alle ihre geheimen Organisationen und einige von ihnen existieren noch, wie z.B. die Freimaurerloge. Keines von den Mitgliedern dieser Gesellschaften verriet ihre geheimen Instruktionen, noch schrieben sie irgendwelche Bücher, die eine logische oder wissenschaftliche Erklärung ihrer Übungen zum Gegenstand hatte. Während es einige unter ihnen gab, welche in der Erlangung höherer Kräfte weit vorangeschritten waren, so wurden doch die daraus entsprungenen Offenbarungen niemals von den westlichen Nationen verstanden, noch wurden sie je in ein wissenschaftliches System eingereiht.
Im alten Indien dagegen, wo es keine Gefahr der Verfolgung gab, lag die Sache ganz und gar verschieden. Jeder Hindu war als einen Teil seiner religiösen Pflicht genötigt, durch tägliche Praxis gewisse Kräfte zu entwickeln und sich zu bestreben die Verwirklichung höherer Wahrheiten zu erlangen. Auf der Straße, auf dem Markt, am Hofe und auf dem Schlachtfeld gab es viele, die nicht nur solche Verwirklichungen erreicht hatten, sondern die auch ihre Erfahrungen in Klassen eingeteilt hatten, und jene Gesetze entdeckten, die unsere höhere Natur beherrschen, worauf dann allmählich die tiefe Wissenschaft des Yoga errichtet wurde.
So sehen wir, dass diese Wissenschaft, wie alle andern auf Erfahrung basierte, während die darin angewandte Methode dieselbe war, welche die moderne Wissenschaft bei all ihren Entdeckungen der Naturgesetze gebraucht - die Methode des Beobachtens und Experimentierens. Diese Methode wird im Westen als einzig moderne Neuerung betrachtet -, aber tatsächlich wurde sie schon in Indien seit den ältesten Zeiten von den 'Rishis' oder Wahrheitssehern angewendet. Durch den Prozess strenger Beobachtung und beständigen Experimentierens entdeckten sie die feineren Naturkräfte sowie auch die Gesetze, welche unser körperliches, seelisches und geistiges Wesen regieren. Die Wahrheiten, die sie so durch ihre eigene Erfahrung gewannen, schrieben sie nieder, predigten sie der Öffentlichkeit und übertrugen sie ihren Schülern. Ehe sie jedoch etwas über die Natur der Seele oder Gott behaupteten, hatten sie es vorher bewahrheitet. Ehe sie von einem Schüler verlangten, etwas auszuüben, hatten sie es selbst ausgeübt und endgültige Resultate aus jener Übung gewonnen. Auf diese Weise erstanden in Indien verschiedene Systeme von Wissenschaft, Philosophie, Psychologie, Metaphysik und Religion, welche beides: spekulativ und praktisch waren und unter dem allgemeinen Namen 'Arische Religion' niedergelegt wurden. Der Ausdruck 'Religion' sollte alle umfassen, denn zu keiner Epoche war in Indien die Religion von diesen verschiedenen Wissenszweigen getrennt; und die Methoden, durch die diese wissenschaftlichen Wahrheiten im täglichen Leben eines Individuums zwecks seiner geistigen Entwicklung angewendet wurden, hießen in der gewöhnlichen Redeweise: "Yoga".
'Yoga' ist ein Sanskritwort und wird gewöhnlich gebraucht, um die praktische Seite der Religion zu bezeichnen und die erste Bedeutung des steten Gebrauchs für den es steht, ist den Gesetzen unserer moralischen und physischen Natur besonderen Gehorsam zu verschaffen, wovon die Erlangung vollkommener Gesundheit und geistiger Vollkommenheit abhängt. In westlichen Ländern ist das Wort höchlichst missverstanden worden und von vielen Schriftstellern geradezu missbraucht, die es im Sinne von 'Gaukeln, 'Hypnotismus', 'Trick' oder Betrug angewendet haben. So oft die Leute das Wort 'Yogi' hören, welches jemand bezeichnet, der Yoga ausübt, denken sie an eine Art Gaukler oder Scharlatan und identifizieren ihn mit einem Fakir oder einem, der schwarze Magie betreibt. Die Theosophen sind mehr oder weniger wegen Missbrach dieses Wortes verantwortlich; wer jedoch die heiligen Bücher Indiens, wie z.B. die Bhagavad Gita oder himmlischen Gesang (wie ihn Sir Edwin Arnold in seiner Übersetzung nennt) gelesen hat, wird sich erinnern, dass jeder Abschnitt dieses himmlischen Liedes eine Art 'Yoga' oder Methode die ewige Wahrheit und das höchste Wissen zu erreichen, geweiht ist; und dass ein 'Yogi' ein Mensch ist, welcher durch verschiedene Übungen das höchste Ideal der Religion erreicht. Dieses höchste Ideal ist nach der Bhagavad Gita die Vereinigung der individuellen Seele mit dem Universalgeist.
Hindu-Schriftsteller haben jedoch das Wort 'Yoga' in noch anderem Sinne aufgefasst und gebraucht. Ich will einige Bedeutungen davon erwähnen, um Ihnen einige Vorstellung von der Tragweite dieses Ausdruckes zu geben. "Erstens bedeutet 'Yoga' die Vereinigung zweier äußerer Gegenstände. Zweitens die Vermischung eines Dinges mit einem anderen. Drittens die Innenverhältnisse der Ursachen, die einen gewöhnlichen Effekt hervorbringen. Viertens die Ausrüstung eines Soldaten oder irgendeiner anderen Berufsperson. Fünftens der Fleiß, die Unterscheidung und die Vernunftgründe, die zum Entdecken einer gewissen Wahrheit nötig sind. Sechstens jene Kraft des Klanges, welche eine ihm spezifische Idee vermitteln lässt. Siebentens die Erhaltung dessen, was man besitzt. Achtens die Transformation eines Dinges in ein anderes. Neuntens die Vereinigung einer Seele mit einer anderen oder mit dem Universalgeist. Zehntens das Fließen eines Gedankenstromes zu einem Gegenstand. Elftens das Zurückbehalten aller Gedankentätigkeit durch innere Sammlung und Versenkung. - So sehen wir, wie viele verschiedene Zweige der Kunst, Wissenschaft, Psychologie, Philosophie und Religion in den verschiedenen Definitionen dieses einen Wortes liegen. Es scheint in der Tat nach seinem Zweck und Rang alle Abteilungen der Natur in sich aufzunehmen. Wenn wir indessen die buchstäbliche Bedeutung des Wortes betrachten, werden wir leicht verstehen, weshalb es so allumfassend ist.
Es wird von der Sanskritwurzel 'Yuy' abgeleitet, welches 'anschließen' bedeutet. Das englische Wort 'yoke' (Joch) stammt auch von derselben Wurzel. Das Zeitwort 'Yuj' bedeutet sich mit jemand verbinden oder in irgendeiner Sache aufgehen. Die erforderliche Anstrengung ist geistig oder physisch, je nach dem in Aussicht gestellten Objekt. Wenn der Gegenstand die Erlangung vollkommener Gesundheit oder Langlebigkeit ist, dann wird die Anstrengung des Gemüts oder Körpers, um dies durch gewisse Übungen zu erreichen, 'Yoga' genannt. Dasselbe Wort wird ebenfalls angewendet, um die geistige Trainierung anzuzeigen, welche für die Erlangung der Selbstbeherrschung, der Vereinigung der Einzelseele mit Gott, der göttlichen Gemeinschaft oder spirituellen Vollkommenheit notwendig ist. In Indien sind schon Bände auf Bände geschrieben worden, die die verschiedenen Zweige und Methoden dieser gesammelten Wissenschaft des 'Yoga' behandelten, und die mannigfaltigen Ideale können durch seine Praxis erreicht werden; auch hat man in Betracht gezogen, welche Bedingungen einem Anhänger angemessen erscheinen um irgendeine dieser Methoden zu ergreifen, welche Studien er zu durchlaufen hat, um das Ziel zu erreichen und wie man sie überschreitet.
Geduld und Ausdauer sind absolut notwendig für jeden, welcher den Pfad des Yoga zu betreten wünscht; diejenigen, welche nicht geduldig sind, dürfen nicht hoffen, die wahre Verwirklichung zu finden. Ferner diejenigen, welche ihn aus Neugier oder aus einem Impuls momentaner Begeisterung betreten, dürfen keine Resultate erwarten und den Lehrer für ihre Misserfolge nicht tadeln, da der Fehler gänzlich auf ihrer Seite ist. Dieselben Lehren werden, sobald sie mit Verständnis und im rechten Geist aufgenommen wurden, wunderbare Erfolge bringen. Sie werden jedoch nur zu dem Schüler kommen, der unbedingt den Anweisungen eines bedeutenden Meisters folgt, welcher ihn in der Praxis der geistigen und physischen Übungen unterrichten wird.
Die Bewerber des Yoga-Studiums können in drei Klassen eingeteilt werden: 1. diejenigen, die geborene Yogis sind. Es gibt einige, die, nachdem sie in einer vorigen Inkarnation Yoga geübt haben, hierher als erwachte Seelen kommen und als solche von ihrer frühesten Kindheit staunenswerte Kräfte offenbaren. Ihre natürliche Neidung ist in ein reines Leben zu führen, denn rechtes Leben und rechtes Denken sind ihr einziges Interesse, und sie besitzen wunderbare Kraft der Selbstbeherrschung und Konzentration. Sinnesfreuden und jene Dinge, die das gewöhnliche Gemüt bezaubern, haben für sie keinen Reiz. Selbst wenn sie von allen Bequemlichkeiten des Lebens umgeben sind und jede materielle Quelle zu ihrer Verfügung steht, so fühlen sie sich doch wie Fremde in einem fremden Land. Es gibt einige, die den geistigen Zustand jener Charaktere richtig verstehen können. Ärzte mögen zu ihnen gebracht werden, aber ärztliche Behandlung kann ihnen nur schaden. Der Verfasser kennt Fälle, wo auf diese Weise Schaden verursacht worden ist. Jedoch, durch das Gesetz der Anziehung sind sie gebunden, früher oder später in die Gesellschaft eines Yogi gezogen zu werden. Hier finden sie genau das, nach dem ihre innere Natur gegraben hat und fühlen sich sogleich glücklich und zu Hause. Die Unterweisungen des Yogi sagen ihrem Gemüte zu; sie beginnen die Yoga-Praxis unter seiner Leitung und da sie ihnen leicht und natürlich erscheint, so machen sie bald außergewöhnliche Fortschritte. So nehmen sie von Jugend an den Faden gerade dort auf. wo sie ihn in ihrer letzten Existenz gelassen hatten; und durch den festen Entschluss, alle Hindernisse auf ihrem Wege zu überwinden, machen sie schnelle Fortschritte und gelangen allmählich zu dem höchsten Ideal geistigen Lebens. Nichts in der Welt kann sie auf ihrem inneren Weg zurückhalten, so stark und intensiv ist ihr Drang nach Verwirklichung.
Die zweite Klasse umfasst die, welche als halberwachte Seelen geboren werden. Durch die Notwendigkeit weiterer Erfahrung gehen sie auf verschiedenen Wegen, ohne den richtigen zu finden. Sie nehmen jeden Schritt versuchsweise und bei diesen beständigen Experimenten, vergeuden sie ein großes Teil Energie und eine große Hälfte ihres Lebens. Wenn solche zum Teil erwachte Seelen einer Neigung nachgehen, die sie sich in ihrem früheren Dasein erworben haben und das Glück haben, mit einem Yogi in Berührung zu kommen und die Yoga-Praxis aufnehmen, so können sie durch Ausdauer und Ernst sich viel in diesem Leben erwerben, obgleich sie notwendigerweise viel langsamer auf dem Pfad der Spiritualität vorwärts schreiten als diejenigen, welche zur ersten Klasse gehören.
In der dritten Klasse werden alle jene unerwachten Seelen gefunden, die ihre Suche nach Wahrheit zum ersten Mal in ihrem Leben beginnen. Schon von Kindheit an werden sie von den Sinnesgegenständen und sinnlichen Vergnügungen unwiderstehlich angezogen, und wenn sie die Yoga-Praxis aufnehmen, finden sie große Schwierigkeiten ihren Lehren zu folgen und begegnen vielen Hindernissen auf ihrem Wege. Ihre Umgebung ist für die Ausübung nicht günstig und selbst wenn sie versuchen, können sie sie nicht leicht bewältigen. Ihre Gesundheit ist nicht fest, und sie leiden an verschiedenen Arten von Krankheit und geistiger Störung. Sie ermangeln des Entschlusses, finden es fast unmöglich, ihre Sinne zu beherrschen und müssen hart kämpfen, um ihre Lebensweise den neuen Anforderungen anzupassen. Mit so vielen kämpfend, erlangen sie naturgemäß sogar nach langer Übung nur kleine Erfolge. Wenn jedoch solche Personen ihren Willen durch eine langsame und regelmäßige Übung von Hatha-Yoga stärken und tapfer dabei die Hindernisse auf ihrem Wege durch Praxis der Atemübungen überwinden können, indem sie der Anleitung eines kompetenten Lehrers folgen, der sie versteht, so werden sie imstande sein, in diesem Leben ihre körperliche Gesundheit in großem Maße zu beherrschen und einen gewissen Grad an Yogakraft erwerben. Hatha-Yoga ist speziell für diese Klasse von Nutzen. Durch die Praxis der Atemübungen werden sie nach und nach Kontrolle über ihren Körper gewinnen und im Laufe der Zeit für das Studium von Raja-Yoga vorbereitet sein, dass die latenten Seelenkräfte in ihnen zur Entfaltung bringen wird.